Ordnung, Struktur – und warum ich Dinge manchmal nur zufällig wiederfinde
Kurz gesagt: Ordnung in neurodivergenten Familien
Ordnung hilft neurodivergenten Familien nur dann, wenn sie alltagstauglich ist. Perfekte Systeme scheitern oft, wenn sie zu viele Schritte brauchen. Besser sind sichtbare, einfache Strukturen, die auch an müden Tagen noch funktionieren.
Ich habe neulich das Geburtstagsgeschenk meiner Tochter wiedergefunden.
Und nein, nicht, weil ich besonders organisiert war und es dort abgelegt habe, wo es hingehört. Sondern weil das Universum anscheinend kurz Mitleid hatte.
Ich war tatsächlich auf der Suche danach und habe alle bisherigen Geschenkverstecke, die ich nutze, abgesucht. Keine Spur davon.
Doch auf einmal blieb mein Blick an der unauffälligen Pappschachtel vom großen „A“ hängen, die sorglos auf dem ganzen Wäscheberg auf dem Schrank thronte.
Da war es ja – welch eine Erleichterung.
Und der Anlass für meinen nächsten Gedanken:
Ich muss unbedingt mal wieder Flykondo machen!
Aber was ist das eigentlich?
Ehrlich gesagt ist es meine Rettung, wenn im Haushalt mal wieder alles den Chaos-Bach runtergeht.
Es basiert auf den Prinzipien der FlyLady (Putzroutinen einführen, kurz, aber wirksam, und nach Räumen putzen – nicht das ganze Haus gleichzeitig) sowie Marie Kondo, die dafür sorgt, dass man all den Krempel, den man eigentlich nicht mehr braucht und der einen daran hindert, genügend Platz für das zu haben, was nötig ist, auch mal aussortiert.
Eigentlich habe ich dadurch meinen Haushalt ganz gut im Griff.
Bis auf dieses eine Zimmer, das wir regelmäßig meiden und das man nicht ohne Licht betreten sollte, wenn man an seiner Gesundheit hängt.
Das Dumme ist nur: Dort ist all unsere Kleidung untergebracht. Jeder hat dort seinen eigenen Schrank, und es gibt sogar extra Schränke für Schnee- und Badesachen.
Also eigentlich genug Platz, um Ordnung zu halten.
Der Faktor “Kind”
Was ich allerdings in meinem Eifer, Ordnung in die Kinderzimmer zu bringen, vergessen habe, ist der Faktor „Kind“.
Denn während ich alles fein säuberlich und aussortiert in die Kleiderschränke gepackt habe, wurde es von diesen kleinen Chaosmonstern einfach herausgerissen, bei Nichtgefallen wieder sorglos zurück gestopft (im besten Fall) oder – sehr viel wahrscheinlicher – zur schmutzigen Wäsche auf den Boden vor den Schränken geworfen.
Denn die zieht man natürlich auch genau dort aus und lässt sie liegen.
Wer kommt schon auf die verrückte Idee, diese in den ach so witzigen und kindgerechten Wäschekorb-Hai zu werfen, um Ordnung zu halten?
Somit komme ich zu dem Schluss, dass das beste Ordnungssystem und der beste Wille bei der Einführung desselben nichts bringen, wenn man nicht die hauseigenen Chaosfaktoren berücksichtigt.
Nun hat man zwei Methoden, um das Problem zu beseitigen:
- Man wird die Chaosfaktoren los – Ausbau der Garage oder Internat wären hier die besseren Wege.
- Oder man plant sie mit ein und gesteht dem eigenen Gewissen ein gewisses Maß an Chaos zu.
Ich habe mich für Variante 2 entschieden.
Neujahr, Ordnungsvorsätze und der Wunsch nach dem perfekten Kinderzimmer
Zu Beginn des neuen Jahres ist der Impuls, alles besser und anders zu machen, immer besonders groß.
Vor allem in unseren neurodivergenten Familien ist es oft chaotischer und turbulenter, egal wo man hinschaut.
Deshalb wird Anfang Januar gerne die große Keule geschwungen. Während man nach Lösungen sucht, die einen reibungsloseren Alltag und weniger Schulstress versprechen, bleibt man irgendwann bei den Prospekten hängen, die genau jetzt alles für verschiedene Ordnungssysteme und Innenrenovierungen anbieten.
Und schon ist man gefangen im Streben nach den perfekt geordneten Kinderzimmern, die den Kindern Ruhe für kreatives Schaffen, entspanntes Lernen und vernünftiges Spiel ermöglichen sollen.
Denn das bedeutet im Umkehrschluss auch weniger Chaos und weniger Stress für die Eltern im restlichen Haus.
Ehe man sich jedoch versieht, sitzt man inmitten der vielen wunderschön anzusehenden und kindgerechten Boxen, die vor wenigen Stunden noch das superstrukturierte und einladende Kinderzimmer sortiert hatten.
Doch es kam, wie es kommen musste:
Ein kindlicher Tornado hat alles entdecken und erforschen wollen, was da so schön aussah – oder just das eine Spielzeug gesucht, das natürlich ganz unten in der letzten Box lag.
Kurz vor dem Nervenzusammenbruch weiß man gar nicht mehr, wieso man überhaupt versucht hat, etwas zu ändern, wenn doch eh keiner mitmacht.
Also wieso überhaupt noch aufräumen?
Und schon ist man wieder am gleichen Punkt wie vor dem Ordnungswahn – verzweifelt und gestresst in einer Atmosphäre, die durch die ganze Verzweiflung von Haus aus aufgeladen ist.
Der Vergleich mit anderen
Und schon zweifelt man an der eigenen Eignung zum Elterndasein.
Warum sieht es bei anderen immer so ordentlich aus?
Warum können deren Kinder aufräumen?
Wie schafft man es wirklich, abends aufzuräumen, wenn man doch am liebsten nur noch mit einem Glas Rotwein im Bett liegen würde, um sich die Decke über den Kopf zu ziehen?
Wieso klappt es nur bei den anderen, aber nie bei einem selbst?
Das Geheimnis?
Es klappt bei den anderen auch nicht.
Jeder hat Chaosecken. Und wenn dem nicht so ist, würde ich eher an der mentalen Gesundheit dieser Person zweifeln.
Und wenn man dann auch noch eine Familie aus so vielen verschiedenen Charakteren mit „kreativen Gemütszuständen und Ordnungssystemen“ ist, dann ist es exponentiell schwieriger, hier Struktur zu halten.
In meinem Buch habe ich ein ganzes Kapitel über Struktur und Ordnung im Kinderzimmer geschrieben und dort viele Tipps für die Umsetzung aufgezählt. Dazu gibt es in Kürze auch ein Paket im Shop.
Aber bitte glaubt nicht, dass es bei uns deswegen immer absolut ordentlich wäre.
Und auch nicht, dass meine Kinder deshalb zu Ordnungsprofis geworden wären.
Mitnichten.
Diese Ordnung und Struktur bleibt nur erhalten, weil ich jeden Morgen eine Runde durch die einzelnen Zimmer drehe: Müll, leere Flaschen, dreckige Wäsche und Geschirr mitnehme, die Betten mache und Spielzeug schon einmal grob in die richtige Ecke zusammenlege.
Manchmal belasse ich es aber auch beim Lüften. Dann nämlich, wenn es selbst mir zu viel wird und ich der Meinung bin, es müssen die Kinder auch mal lernen, Ordnung zu halten.
Und was passiert dann?
Mehrere Tage lang: nichts.
Denn im Alltag ist einfach kaum Zeit, sich in Ruhe mit jedem Kind einzeln hinzusetzen und zu warten, bis es macht, was es soll.
Irgendwann packt mich dann doch der Rappel, und ich sammle wieder alles ein und ordne.
So ärgerlich es manchmal ist, so pragmatisch muss ich feststellen, dass es wirklich nur 15 Minuten für drei Kinderzimmer dauert – und dass auch die Kinder tatsächlich etwas besser Ordnung halten können, wenn ich den Rahmen so stark stütze.
Co-Regulation statt Erziehungsmythos
Und ich kann sie schon alle mahnend aufschreien hören, die ganzen Erziehungsratgeber:
„Du musst doch dein Kind zur Selbstständigkeit erziehen. Anleiten statt übernehmen. Das dauert nur etwas länger, aber bald können sie es selber.“
Ja, ja. Als ob ich das nicht schon längst probiert hätte.
Und auf den Moment, an dem sie es selber können, warte ich seit mittlerweile 15 Jahren.
Es wird besser – ohne Frage.
Aber das liegt auch daran, dass ab einem gewissen Alter kein Lego, Playmobil und anderes Gedöns mehr herumliegt, sondern nur noch Teller, dreckige Socken, Süßigkeitenpapier, Schulsachen und leere Flaschen.
Worum es eigentlich geht
Und genau da liegt der Punkt, den viele Ratgeber ausblenden:
Es geht nicht darum, dass Kinder „es endlich alleine können“.
Es geht darum, ob der Alltag tragfähig ist.
Struktur ist kein pädagogisches Ziel.
Struktur ist ein Hilfsmittel.
Ein Geländer für einen Alltag, der sonst ständig ins Rutschen gerät.
In neurodivergenten Familien ist Ordnung kein Erziehungsinstrument, sondern Co-Regulation.
Ich halte den Rahmen, damit der Laden nicht komplett kollabiert.
Nicht, weil meine Kinder unfähig wären, sondern weil ihr Nervensystem – und ganz ehrlich: meins auch – sonst dauerhaft am Anschlag läuft.
Und ja: Das bedeutet, dass ich Dinge übernehme.
Dass ich stütze.
Dass ich jeden Morgen diese Runde drehe, obwohl irgendein Erziehungsratgeber gerade leise weint.
Aber weißt du was?
Der Preis dafür sind 15 Minuten am Tag.
Der Gewinn ist ein deutlich entspannterer Nachmittag, weniger Eskalation und Kinder, die sich in ihren Zimmern zumindest nicht permanent verloren fühlen.
Was ich in all den Jahren gelernt habe:
Ordnung funktioniert nicht über Appelle oder schöne Boxen und schon gar nicht über Schuldgefühle.
Sie funktioniert nur dann, wenn Struktur zum echten Leben passt – zu den Menschen, die dort wohnen, zu ihren Eigenheiten, ihren Grenzen und ihren Tagesformen.
Genau darum geht es mir – in meinem Buch, in meinen Paketen und auch in meiner Beratung.
Nicht um perfekte Kinderzimmer.
Sondern um Systeme, die den Alltag leichter machen.
Nicht für Instagram.
Sondern für Montagmorgen.
Zum Schluss
Vielleicht muss dieses Jahr gar nicht alles neu werden.
Vielleicht reicht es, an einer Stelle etwas leichter zu machen.
In diesem Sinne:
Ich wünsche dir den Mut, das zu erkennen – und die Kraft, es umzusetzen.
Frohes neues Jahr
deine Sandra
PS: Wenn du merkst, dass Ordnung oder Struktur bei euch immer wieder scheitert, obwohl ihr euch anstrengt, liegt das oft nicht an mangelnder Konsequenz, sondern an der Struktur dahinter. In meiner Beratung schauen wir gemeinsam auf euren Alltag – pragmatisch, ehrlich und ohne Anspruch auf Perfektion.
Passend dazu: Alltag und Struktur weiter sortieren
Wenn Ordnung, Routinen und Übergänge bei euch immer wieder Kraft kosten, findest du auf der Seite Alltag & Struktur einen klaren Überblick über passende nächste Schritte.
Häufige Fragen zu Ordnung in neurodivergenten Familien
Warum ist Ordnung in neurodivergenten Familien oft schwieriger?
Wenn mehrere Familienmitglieder neurodivergent sind, treffen unterschiedliche Wahrnehmungen, Bedürfnisse und Energielevel aufeinander. Was für den einen Ordnung ist, wirkt auf den anderen schon wieder unübersichtlich. Hinzu kommt, dass Planen und Strukturieren bei vielen mehr Kraft kosten – das betrifft Eltern genauso wie Kinder.
Muss ich als Elternteil selbst perfekt organisiert sein?
Nein. Viele Eltern erleben selbst, dass ihnen Ordnung nicht leichtfällt – das macht sie nicht zu schlechten Eltern. Hilfreicher als ein perfektes System ist eine Struktur, die zur eigenen Familie passt und im echten Alltag durchhaltbar bleibt, auch an anstrengenden Tagen.
Warum hilft der Vergleich mit anderen Familien selten?
Andere Familien haben andere Voraussetzungen, andere Kinder und oft auch nur eine geschönte Außenansicht. Sich daran zu messen erzeugt vor allem Druck und das Gefühl, zu versagen. Sinnvoller ist es, von der eigenen Familie auszugehen und zu fragen, was bei euch tatsächlich entlastet.
Was bedeutet Co-Regulation im Zusammenhang mit Struktur?
Co-Regulation heißt, dass Kinder Ruhe und Halt zunächst über die Erwachsenen mitbekommen, bevor sie sich selbst regulieren können. Bei Struktur bedeutet das: Kinder lernen Ordnung weniger über Ermahnungen als über ein verlässliches gemeinsames Tun. Wenn Eltern ruhig vorangehen und kleine Schritte begleiten, trägt das oft mehr als Konsequenzen einzufordern.
Passend zum Weiterlesen: Wie du das Kinderzimmer konkret so strukturierst, dass es dein Kind entlastet statt überfordert, liest du in Ordnung im Kinderzimmer. Und wenn du eine alltagstaugliche Grundstruktur für euren Familienalltag aufbauen möchtest, hilft dir das Alltags-Workbook für Familien Schritt für Schritt weiter. Und warum der Rat „mehr Me-Time“ oft nicht weiterhilft, liest du in Alle sagen: Du brauchst mehr Me-Time.
Bevor du tiefer einsteigst: Mit dem kostenlosen Alltags-Check findest du in wenigen Minuten heraus, wo bei euch im Alltag der meiste Druck sitzt – und bekommst von mir eine persönliche Rückmeldung dazu.
Buch-Tipp: Wenn du verstehen willst, warum dein Kind sich so verhält und wie ihr euren Alltag entspannter gestaltet, findest du in meinem Buch „Warum dein Kind nicht schwierig ist” die Grundlage für alles Weitere.

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