„Bitte nicht in einen Topf werfen”

Warum Hochbegabung, ADHS und Autismus zusammengehören

„Können wir bitte hochbegabt nicht mit neurologischen Abweichungen, Entwicklungsverzögerungen und handfesten Behinderungen in einen Topf werfen (…)”

Dieser Kommentar stand unter einem meiner Beiträge in den sozialen Medien, in dem ich über Hochbegabung, ADHS und Autismus als Formen der Neurodivergenz geschrieben habe. In Klammern hatte ich aufgezählt: ADHS, ASS und hochbegabt. Ich habe dafür meine Gründe, und im neurodivergenten Zusammenhang ist das auch tatsächlich eine völlig normale Aufzählung. Ich habe geantwortet und erklärt, aber ich merke, dass mich das doch deutlich mehr beschäftigt, als es sollte – weil es mich überrascht hat.

Unsere Reise begann bei der Hochbegabung, und ich fühle mich da wirklich „Zuhause”. In all den Jahren habe ich noch nie mitbekommen, dass jemand sich so abgegrenzt hat von Dingen wie ADHS.

Überraschend ist es vor allem, wenn man bedenkt, dass es spezielle Internate und Klassen für begabte Schüler gibt, die explizit sagen, dass sie nicht nur für „Hochleister” gedacht sind. Hochleister – das sind jene Kinder, die wir aus den Medien kennen und die das öffentliche Bild der Hochbegabung prägen. 9-Jährige macht Abitur, 13-Jähriger beendet Master-Studiengang. So oder so ähnlich liest man es immer mal wieder. Aber diese Gruppe ist selbst unter Hochbegabten ein sehr kleiner Anteil. Stattdessen findet man sehr häufig Familien, deren Kinder in der Schule kämpfen, schlechte Noten schreiben, komplett verweigern und gesundheitliche Schwierigkeiten entwickeln.

Wie unsere Reise begann

Als unsere Reise begann, ging es mir wie jedem anderen wahrscheinlich, der sich noch nie damit befasst hat. Ich wurde in einem Elterngespräch in der Krippe darauf angesprochen. Die Erzieherin sagte, dass sie schon hochbegabte Kinder begleitet hat und unser Mittlerer ihrer Ansicht nach dazugehört.

Meine erste Reaktion daheim war: „Kaum ist der Große nicht mehr in der Krippe, finden sie andere Probleme beim nächsten Kind.” Dicht gefolgt von dem, was man eben in den Medien über Hochbegabung wahrnimmt: „Mein Kind? Sicher nicht. Ich würde doch merken, wenn ich den nächsten Einstein daheim hätte.”

Erst langsam konnte ich mich an den Gedanken gewöhnen, habe ihn nicht mehr als so lächerlich abgetan und angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Und siehe da – sie hatte Recht. Und ihr war trotz ihrer Erfahrung entgangen, dass es nicht nur unser Mittlerer war, der in die Kategorie der begabten Kinder gehört.

Noch etwas kam dazu: die Feststellung, dass die Kinder nicht auffallen, wenn man schon immer so ist und auch die eigene Familie eben immer schon anders mit Interessen und Förderungen umgegangen ist. Ganz selbstverständlich, ohne darüber nachzudenken. Wie also soll ein Kind auffallen, wenn es ein – für den Familienverbund – völlig normales Verhalten zeigt?

Als wir „unsere Leute” fanden

Nachdem ich mich langsam mit dem Thema Hochbegabung beschäftigte und mir klar wurde, dass man nun halt auch das Kind fördern muss, habe ich Kontakt mit der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (kurz DGhK) aufgenommen. Das sind die Ansprechpartner in fast jeder Region, wenn es darum geht herauszufinden, ob man dazugehört und wie die Reise weitergeht. Nachdem wir im Umfeld – auch beim Kinderarzt und später der KJP – nicht ernst genommen wurden, aber die Interessen der Kinder ganz klar zeigten, dass es eben nicht „normal” ist, empfahl uns die Regionalvertreterin, zu einem der Spieletreffen der DGhK zu kommen. Wir würden dann schon merken, ob es passt.

So gingen wir also an einem Sonntagnachmittag hin und beäugten sehr neugierig diese „besonderen” Kinder und Familien. Die Dame hatte Recht. Wenn man auf einmal diese passende Peer-Gruppe findet, macht es klick. Wir sind tatsächlich nach der Veranstaltung rausgekommen und mein erster Satz zu meinem Mann war: „Endlich mal normale Kinder.”

Dabei ging es mir in keinem Kontext darum, andere herabzusetzen. Aber es war endlich mal so, dass unsere Kinder nicht aufgefallen sind. Sie haben dazugepasst.

Warum mich der Kommentar so überrascht hat

Und genau das ist der Grund, weshalb dieser Kommentar mich so überrascht hat. Denn wie wir mittlerweile wissen, haben unsere Kinder auch ADHS und teilweise Züge, die an Autismus erinnern. Aber in dieser Gruppe war das normal. Unser Mittlerer hat seine ersten wahren Freunde erst gefunden, als er in eine Spezialklasse für begabte Kinder kam. Und – Überraschung – die meisten dort haben ähnliche Besonderheiten, teils diagnostiziert, teils nicht.

So ist es aber nicht nur in dieser einen Klasse. Das ist etwas, das mir schon sehr früh in allen Gruppen aufgefallen ist, in denen wir uns ab da bewegten. Und das dürfte auch der Grund sein, weshalb ASS und ADHS sowohl bei der DGhK als auch in Standardwerken wie von James T. Webb als Differentialdiagnosen gelistet sind.

Was ich daraus mitnehme

Die Realität, die ich kenne – aus unserem Familienalltag, aus den Gruppen, den Klassen, den Gesprächen mit anderen Eltern – zeigt mir seit Jahren dasselbe Bild: Diese Besonderheiten treten gemeinsam auf. Nicht immer, nicht bei jedem, aber so häufig, dass man sie nicht voneinander trennen kann, ohne einen großen Teil der betroffenen Familien allein zu lassen.

Wer Hochbegabung von ADHS und Autismus trennen will, der trennt nicht sauber, sondern schließt aus. Er schließt die Kinder aus, die hochbegabt sind und gleichzeitig in der Schule scheitern, weil ihr Nervensystem anders arbeitet. Er schließt die Familien aus, die nicht in das glänzende Bild passen, das die Medien von Hochbegabung zeichnen. Und er schließt genau die Kinder aus, die Unterstützung am dringendsten brauchen – weil bei ihnen alles gleichzeitig kommt.

In diesem Sinne: Ich werfe nichts in einen Topf. Die Realität tut es. Und ich stehe lieber auf der Seite der Realität als auf der Seite einer sauberen Kategorie, in der sich niemand wiederfindet.

Deine Sandra

Falls dich das Thema interessiert – hier gibt es weitere Gedanken dazu: Nicht falsch – nur anders verbunden: Warum viele Eltern sich erst durch ihre Kinder erkennen

Und nähere Infos zur Hochbegabung bei Kindern findest du bei der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK).

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