Alle sagen: „Du brauchst mehr Me-Time.“
Ich sage: “Erklärt das mal meinem Kalender!”

„Sandra muss arbeiten!“
Zumindest habe ich mir das genau so vorgestellt, als ich mir zwei Wochen im Kalender mit diesem Eintrag blockiert habe.
Das war nötig geworden, weil sich in den letzten Monaten immer öfter mehrere Vormittagstermine pro Woche angesammelt hatten. Alle wichtig. Bei allen musste ich dabei sein. Und keiner davon war für mich.
Wenn der Alltag voller Termine ist
Ein Therapiegespräch hier, ein Arzttermin dort und dazwischen noch ein kurzes Elterngespräch in der Schule. Und wenn dann doch einmal zufällig eine Lücke im Terminplan entstanden ist, waren die lieben Kinderlein natürlich auch noch krank.
Also habe ich irgendwann aus purer Verzweiflung zwei Wochen im Kalender dicht gemacht. Endlich wieder Zeit am Stück. Zeit, um meine Projekte voranzubringen.
Genützt hat es ehrlich gesagt wenig.
Auch jetzt stehen schon wieder zwei Vormittagstermine im Kalender. Einen dritten habe ich heute abgesagt, obwohl er eigentlich wichtig gewesen wäre.
Aber auch das gehört zum Alltag mit ungebremst besonderen Kindern.
Man kann noch so gut planen, noch so organisiert sein – manchmal funktioniert es einfach nicht. Weil immer wieder neue Bedürfnisse auftauchen, um die man sich kümmern muss. Dann wird der Alltag um all diese Anforderungen herum gebastelt und man versucht, allem so gut es geht gerecht zu werden.
Aber man selbst bleibt dabei oft auf der Strecke.
Was mich in solchen Phasen wirklich beschäftigt, sind die gut gemeinten Tipps, die man bekommt, wenn man einmal nach außen zeigt, wie belastend dieser Alltag sein kann.
Ich habe gerade erst wieder gehört, ich solle mein einziges Ehrenamt doch lieber aufgeben. Oder meine Arbeit etwas zurückschrauben. Stattdessen wäre es viel besser, spazieren zu gehen. Sport zu machen. Oder vielleicht mit einer Freundin über das Wochenende zu verreisen.
Ehrlich gesagt fühlt sich das manchmal eher wie Hohn an.
Ich gehe nicht besonders gerne spazieren. Mein Ehrenamt ist der Bereich, in dem ich noch „ich“ sein kann. Sport würde ich tatsächlich gerne machen – allerdings habe ich anscheinend gerade ein Dauerabo im Verletzungsbingo. Und wer schon einmal versucht hat, einen Wochenendtermin mit seiner ebenfalls berufstätigen Freundin zu finden, an dem auch noch die Kinder versorgt sind, der weiß, dass das ein ziemlich utopisches Vorhaben ist.
Me-Time für Eltern – eine schöne Idee aus der Theorie
Und dann dieses Wort: „Me-Time“.
Oh, wie wunderbar das doch angeblich wäre.
In der Realität besteht die „Me-Time“ vieler Eltern eher aus einem fünfminütigen Toilettengang, während draußen schon ein Kind wartet, weil ausgerechnet jetzt dringend geklärt werden muss, wo der seit Wochen verschwundene Haargummi sein könnte.
Ist Me-Time auch, wenn man allein im Auto von einem Termin zum nächsten fährt?
Oder wenn man schnell den Wocheneinkauf erledigt?
Und selbst wenn tatsächlich einmal eine kleine Lücke entsteht – soll man dann sofort losspazieren? Die Yoga-Matte ausrollen? Ein Buch anfangen, bei dem man nach drei Sätzen sowieso nicht mehr weiß, worum es eigentlich ging?
Oder ist das Buch so spannend, dass man am liebsten weiterlesen würde, während sich gleichzeitig schon wieder die Fragen der Kinder vor einem auftürmen.
Wer denkt sich solche Dinge eigentlich aus?
Vermutlich nicht die Menschen, die selbst einen Alltag mit neurodivergentem Durcheinander führen. Oder eher doch diejenigen, die das Glück haben, ein sprichwörtliches Dorf hinter sich zu haben, das beim Großziehen der Kinder unterstützt.
Denn vielen Familien geht es heute anders.
Eltern sind häufig Einzelkämpfer. Großeltern arbeiten noch selbst oder wohnen zu weit entfernt. Freunde haben eigene Familien und eigene volle Terminkalender. Und am Ende bleibt man oft allein mit all den Anforderungen, die der Alltag mit sich bringt.
Und manchmal bedeutet das eben auch:
Der Kalender ist voll, die Pläne funktionieren nicht und trotzdem versucht man, jeden Tag wieder das Beste daraus zu machen.
Und dann darf man auch einmal jammern oder erschöpft sein.
Dann darf der Alltag auch einmal auf das Nötigste reduziert werden und zum dritten Mal in dieser Woche Tiefkühlpizza serviert werden.
Die Realität: Me-Time im Elternalltag
Vielleicht wäre manchmal theoretisch sogar Zeit für ein Drei-Gänge-Menü. Aber die Belastung der Tage davor war so hoch, dass man doch auf der Couch beim Scrollen versandet und erst bei der mittlerweile sehr hartnäckigen vierten Nachfrage zum Thema „Was essen wir heute?“ schnell die Pizza in den Ofen schiebt.
Mittlerweile sehe ich das ziemlich pragmatisch.
Ist die Woche voll und möchte ich wenigstens die kleinste Chance haben, noch etwas zu arbeiten – oder auch einfach mal dumm herumzusitzen – dann kaufe ich entsprechend ein.
Montag TK-Essen.
Dienstag etwas Schnelles.
Mittwoch vielleicht Fertigessen.
Donnerstag Nudeln mit Tomatensoße.
Und Freitag gibt es dann vielleicht einen Döner.
Mut zur Lücke – ganz praktisch umgesetzt.
Und für die Vitamine gibt es Obst.
Auch das darf manchmal reichen, wenn dadurch zumindest ein Teil des Tages einfacher wird.
All das hilft mir tatsächlich oft mehr dabei, kurz durchzuschnaufen, als völlig gestresst irgendwo einen festen Zeitblock für „Me-Time“ einzurichten.
Natürlich ist es wichtig, im Alltag Zeit für sich selbst zu finden – genauso wie Zeit für die Partnerschaft. Aber manchmal ist es schlicht nicht möglich.
Es gab auch schon Zeiten, in denen ich morgens um vier Uhr aufgestanden bin, nur um wenigstens eine Tasse Kaffee in Ruhe trinken und vielleicht eine kurze Runde Yoga machen zu können. Aber auf Dauer hat mir diese fehlende Stunde Schlaf dann doch mehr geschadet, als mir diese kleine Insel gutgetan hat.
Wie findet man also die Balance zwischen Pflicht und Freizeit?
Die ehrliche Antwort ist:
Ich weiß es nicht.
Ich vermute, man muss akzeptieren, dass es im Leben Phasen gibt, in denen diese Balance einfach nicht herzustellen ist.
Wenn Selbstfürsorge anders aussieht
Phasen, in denen „Me-Time“ bedeutet, im Auto laut bei den Hits mitzusingen, zu denen man vor gar nicht so langer Zeit – zumindest gefühlt – noch in der Disco herumgehüpft ist.
Oder auf der Couch zu sitzen und durch Instagram zu scrollen, einfach um sich kurz berieseln zu lassen.
Und wenn wir ehrlich sind: Abends ausgehen ist manchmal auch nicht die Lösung. Dann sitzt man um halb neun irgendwo auf einer Veranstaltung, völlig erschöpft, und merkt, dass man sich eigentlich nur noch danach sehnt, nach Hause zu kommen und endlich ins Bett zu fallen.
Vielleicht besteht Selbstfürsorge in solchen Zeiten nicht aus perfekt geplanten Auszeiten, Yoga-Sessions oder Wochenendtrips.
Vielleicht besteht sie manchmal einfach darin, die Erwartungen etwas herunterzuschrauben, Tiefkühlpizza zu backen und sich selbst zuzugestehen, dass gerade genug geleistet wird.
Manchmal ist „gut genug“ tatsächlich gut genug.
Denn auch diese Phasen gehen vorbei. Und bis dahin darf der Alltag eben manchmal ein bisschen chaotisch sein – ganz ohne schlechtes Gewissen, nur weil irgendwo eine Instagram-Mama gerade das perfekte Dinner postet. Super gestylt, mit entspannten Kindern, die sich ganz selbstverständlich alleine beschäftigen.
In diesem Sinne:
Habt Mut zur Lücke – und zur Tiefkühlpizza.
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass es bei euch nicht nur um „zu wenig Zeit“, sondern um einen Alltag geht, der insgesamt zu viel trägt:
Dann lohnt es sich, an den Stellen anzusetzen, an denen es immer wieder kippt.
→ Warum es bei Kindern zu Meltdowns kommt und was wirklich dahinter steckt
→ Wie du den Alltag so veränderst, dass er wieder tragbar wird
Und wenn du das Gefühl hast, dass du gerade nicht mehr weißt, wo du anfangen sollst:
Dann kann es helfen, einmal gemeinsam draufzuschauen – nicht auf alles, sondern genau auf den Punkt, der euch im Alltag immer wieder Kraft kostet.

Ach wie gut ich das kenne! Danke, dass du das so gut in Worte gefasst hast. Und danke, fürs Druck rausnehmen!