Wie Struktur im Kinderzimmer entlasten kann

Letzte Woche habe ich die Kinderzimmer von Grund auf gereinigt, sortiert und geordnet.
Es sah aus wie bei Pinterest.
Heute Morgen, auf dem Weg zum Fenster, um zu lüften, war der Todesparcours aus Kleidung, Spielzeug, Büchern, Stiften und vielem mehr wieder aufgebaut.
Während ich halsbrecherisch auf einem einzelnen Blatt Papier durch das Zimmer schlitterte, kam – wie so oft – der Gedanke: Wofür mache ich das eigentlich?
Gefühlt ist man ständig damit beschäftigt, hinter diesen Wirbelwinden aufzuräumen.
Und wofür? Nur um dabei zuzusehen, wie alles innerhalb kürzester Zeit wieder im alten Chaos endet.
So kann es doch nicht weitergehen. Können diese Kinder nicht verstehen, wie schön ein ordentliches Zimmer ist?
Und dann stellt sich unweigerlich die nächste Frage:
Können sie das wirklich nicht?
Oder wollen sie einfach nicht?
Liegt es an der Erziehung?
An mangelnder Konsequenz?
Oder ist es – mal wieder – komplizierter?
Vielleicht sogar eine Mischung aus Entwicklung, Alltag, Überforderung. Und diesen bunt verkabelten Gehirnen, die Ordnung ganz anders verarbeiten als Menschen, die diese Lernkurve schon deutlich länger gegangen sind.
Wenn man ehrlich ist, wirkt der Wunsch nach Ordnung im Kinderzimmer zunächst vollkommen logisch.
Ordnung verspricht Übersicht.
Übersicht verspricht Ruhe.
Ruhe verspricht weniger Reize.
Und genau das wünschen sich viele Eltern – besonders in Familien, in denen der Alltag ohnehin schon viel fordert. Das Problem ist nur: Ordnung wird dabei oft als Ziel verstanden. Nicht als Unterstützung
Wenn zu viele Dinge im Raum liegen, arbeitet das Gehirn ständig mit
Was in diesen Überlegungen oft unterschätzt wird, ist die Wirkung des Raumes selbst.
Ein Kinderzimmer ist kein neutraler Ort. Es wirkt – ständig.
Jeder Gegenstand im Raum sendet ein Signal.
Jedes Spielzeug, jede Kiste, jedes offene Regal will wahrgenommen, eingeordnet oder zumindest ausgeblendet werden.
Für erwachsene Gehirne ist das oft schon anstrengend.
Für Kinder – insbesondere neurodivergente – ist es eine dauerhafte Mehrbelastung.
Ein Raum mit sehr vielen Dingen verlangt permanent Entscheidungen:
Was ist gerade wichtig?
Was kann warten?
Womit beginne ich?
Diese Entscheidungen laufen nicht bewusst ab sondern kosten Energie.
Je mehr Reize gleichzeitig präsent sind, desto mehr Kapazität wird gebunden – noch bevor überhaupt gespielt, gelernt oder aufgeräumt wird.
Das Problem ist dabei nicht, dass Kinder „zu empfindlich“ wären. Sondern dass ihr Nervensystem noch nicht die gleiche Filterleistung erbringt wie das von Menschen,
die das schon über viele Jahre hinweg gelernt haben.
Was Erwachsene ausblenden können, ist für Kinder oft einfach da. Alles gleichzeitig. In einem solchen Raum entsteht Unruhe nicht, weil Kinder nicht spielen können. Sondern, weil sie zu viel gleichzeitig verarbeiten müssen.
Das zeigt sich oft besonders deutlich im Spiel.
In Zimmern mit sehr vielen sichtbaren Spielsachen wissen Kinder oft gar nicht, womit sie anfangen sollen. Nicht, weil sie keine Ideen hätten – sondern weil zu viele gleichzeitig da sind.
Das kann sich dann so äußern, dass ein Spielzeug nach dem anderen herausgezogen wird, kurz bespielt wird um dann nach kürzester Zeit achtlos liegengelassen zu werden, um das nächste Spielzeug zu entdecken.
Innerhalb kurzer Zeit liegt alles draußen,nicht aus Trotz oder Unachtsamkeit, sondern weil das Gehirn versucht, irgendwo einen Halt zu finden.
Andere Kinder reagieren genau entgegengesetzt. Sie ziehen sich zurück, setzen sich in eine Ecke,
wirken teilnahmslos oder überfordert, weil es keinen klaren Startpunkt für das Spiel gibt.
Und ganz ähnlich zeigt sich das auch beim Aufräumen.
Ordnung ist kein Zustand der einfach abgerufen werden kann. Aufräumen ist kein Prozess, bei dem die Kinder ein inneres Bild vor Augen haben, dass ihnen sagt: „Ich räume jetzt zuerst die Autos ins Parkhaus und danach kommen die Legoteine zurück in die Kiste.“
Reduktion heißt nicht Wegnehmen – sondern Überblick schaffen
An dieser Stelle entsteht oft der Gedanke, man müsse „einfach mal ausmisten“.
Weniger Spielzeug, weniger Kisten, weniger Zeug.
Doch Reduktion meint hier etwas anderes.
Es geht nicht darum, Kindern Dinge wegzunehmen. Es geht darum, die gleichzeitige Reizmenge im Raum zu verringern.
Weniger sichtbare Dinge bedeuten nicht weniger Möglichkeiten. Sie bedeuten weniger Entscheidungen auf einmal.
Wenn nicht alles gleichzeitig präsent ist, muss das Gehirn weniger filtern, weniger auswählen
und weniger unterdrücken. Dadurch entsteht etwas, das im Alltag oft fehlt: Übersicht.
Übersicht ist keine Frage von Ordnung. Sie ist eine Voraussetzung dafür, überhaupt handlungsfähig zu sein.
Ein übersichtlicher Raum gibt Halt, er zeigt, wo begonnen werden kann.
Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder, nur dass Kinder diesen Halt noch nicht selbst herstellen können.
Reduktion wirkt deshalb nicht, weil weniger da ist.
Sondern, weil das, was da ist, überhaupt erst greifbar wird.
Spiel kann tiefer werden, Übergänge werden ruhiger, Aufräumen wird weniger überwältigend.
Einfach, weil der Raum nicht alles gleichzeitig verlangt.
Wenn Reduktion Angst macht ist das kein Widerstand.
Spätestens an diesem Punkt melden sich viele Kinder sehr deutlich zu Wort.
Und ich bin mir sicher, dass ich damit nicht allein bin.
Bei uns kommt es regelmäßig zu langen, wortreichen Diskussionen, sobald ich erwähne, dass wir etwas Spielzeug reduzieren müssen. Die besten Erklärungen, warum das notwendig und hilfreich ist, verpuffen meist wirkungslos.
Stattdessen steht da ein empörtes Kind vor mir, dass vehement seine Puppe verteidigt, weil es genau jetzt damit spielen muss. Und ja – es war ganz offensichtlich pure Absicht, dass diese Puppe wochenlang unter einem Sockenhaufen in der Zimmerecke lag. Sie war nur zugedeckt, nicht vergessen.
Gleiches gilt natürlich auch für die Legosteine, die dekorativ über den Zimmerboden verteilt liegen.
Und eigentlich, gilt das sowieso für jedes Spielzeug. Alles hat eine emotionale Bedeutung und darf nicht gehen.
Und genau hier müssen wir zuhören.
Denn für das Kind hat das Spielzeug tatsächlich eine hohe emotionale Bedeutung. Die Verlustangst die die Kinder erleben, wenn man Spielzeug reduzieren möchte, ist real.
Die Frage ist also nicht, ob diese Reaktion berechtigt ist. Sondern:
Wie gelingt es, beide Positionen ernst zu nehmen und trotzdem ein tragfähiges Grundgerüst für Ordnung im Kinderzimmer zu schaffen?
Genau an diesem Punkt habe ich gemerkt, dass es keine einfache Antwort braucht. Kein besseres Argument, eine längere Erklärung und auch kein konsequenteres Durchsetzen.
Es braucht eine Struktur, die beide Seiten hält. In meinem Buch beschäftige ich mich ausführlich mit der Frage, wie Struktur im Kinderzimmer entlasten kann, ohne zusätzlichen Druck zu erzeugen.
Nicht als Ordnungssystem im klassischen Sinn. Sondern als Rahmen, der Orientierung gibt,
wenn Überforderung im Raum steht.
Wie strukturiert man dann die Ordnung im Kinderzimmer?
Eine der Lösungen, die daraus entstanden sind, ist die Spielzeugbibliothek.
Sie ist kein Trick, um Kinder zum Ausmisten zu bewegen. Und auch kein Rotationssystem
mit festen Zeitplänen und Regeln.
Sie ist eine vermittelnde Struktur zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Bedürfnis nach Entlastung.
Die Idee dahinter ist einfach:
Nicht alles ist gleichzeitig im Kinderzimmer, aber nichts ist wirklich weg.
Spielzeug verschwindet nicht, sondern bekommt einen anderen Ort. Einen Ort, an dem es weiterhin dazugehört, aber den Raum nicht dauerhaft überfordert.
Für viele Kinder macht genau das den Unterschied. Die Angst, etwas zu verlieren, tritt in den Hintergrund, weil klar ist: Es ist noch da. Gleichzeitig wird der Raum übersichtlicher, ruhiger und weniger überfordernd.
Die Spielzeugbibliothek gibt die Möglichkeit Struktur im Kinderzimmer zu unterstützen. Gleichzeitig hat das Kind aber maximales Mitbestimmungsrecht. Es darf auswählen, womit es wie lange spielen möchte. Nur die Rahmenbedingungen, z.B. maximale Anzahl an Spielzeug im Zimmer, sind festgelegt.
Im Buch zeige ich, wie sich dieses System an unterschiedliche Familiensituationen anpassen lässt.
Genau das ist für mich der wesentliche Aspekt dieses Projekts.
Nicht jede Familie funktioniert gleich und nicht jeder Ablauf ist für alle gleichermaßen passend. Mir geht es darum, etwas zu entwickeln, das flexibel genug ist, um unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden.
Aktuell entsteht dieses Buch Schritt für Schritt und soll – wenn alles gut zusammenpasst –
im Laufe dieses Jahres fertiggestellt werden.
Am Ende geht es im Kinderzimmer nicht darum, ein System umzusetzen oder etwas „richtig“ zu mache. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Spielen, Rückzug und auch Aufräumen
überhaupt möglich werden.
Konsequenz ist der Gamechanger
Ordnung ist dabei kein Zustand, der dauerhaft erreicht werden muss. Sie ist ein Hilfsmittel.
Ein Rahmen, der Orientierung gibt, wenn sonst zu viel gleichzeitig wirkt.
Ein Kinderzimmer darf genutzt aussehen und es darf sich verändern.
Es darf auch Phasen geben, in denen Ordnung kaum eine Rolle spielt.
Das bedeutet nicht, dass es im Kinderzimmer egal wäre, ob und wann aufgeräumt wird.
Im Gegenteil.
Gerade im Alltag zeigt sich, wie wichtig es ist, rechtzeitig einzugreifen. Und zwar bevor aus vielen einzelnen Spielsituationen ein unübersichtlicher Wust wird.
Wenn im Eifer des Gefechts mit Freundinnen und Freunden eine große Höhle gebaut wird,
während außen herum eine ausgedehnte Schlacht mit Playmobilfiguren tobt, dann braucht es irgendwann einen Schnitt.
Nicht, weil das Spiel falsch wäre. Sondern, weil die Struktur sonst zusammenbricht.
Bleibt alles liegen, fällt die Höhle irgendwann in sich zusammen und aus mehreren klaren Spielsituationen wird ein einziger, überfordernder Raum, in dem nichts mehr richtig funktioniert.
Konsequenz bedeutet hier nicht Strenge. Sie bedeutet, Übergänge ernst zu nehmen. Dinge zu beenden, bevor sie kippen. Und den Raum wieder so zu ordnen, dass neues Spiel überhaupt möglich bleibt.
Ordnung ist in diesem Sinn kein Endzustand, sondern ein wiederkehrender Eingriff, der Überforderung vorbeugt.
In diesem Sinne: Möge Ordnung im Kinderzimmer weniger Anspruch sein und mehr Unterstützung. Nicht perfekt, aber tragfähig.
Eure Sandra
Ps: Falls du neugierig geworden bist, findest du hier aktuelle Informationen zum Buch.
