Das ND-Mysterium: Zwischen TikTok-Diagnosen, echtem Erkennen und ganz viel Verwirrung
„Wenn du 10x am Tag niest, hast du ADHS!“ – „Wenn du bei jedem Song im Radio mit den Fingern schnippst, bist du Autist!“ – „Wenn du in 10 Sekunden die 8 findest, bist du intelligenter als der Rest der Menschheit!“

Wer kennt sie nicht? Diese plakativen Sätze, die einem gefühlt ins Gesicht springen, sobald man einmal durch seinen Feed scrollt. Oder diese POVs, die bei ADHS aussehen wie ein dementes Eichhörnchen auf Speed beim Nüsse sammeln.
Gefühlt gibt es dabei genau zwei Extreme:
Die Reels, die alles völlig überspitzt darstellen und selbst normale Verhaltensweisen pathologisieren.
Und die Reels, die plötzlich eine kleine Stimme in einem wecken: „Das kenn ich doch auch…“
Und genau da fängt man an zu zweifeln.
Man wird überrollt von einer Lawine an ND-Videos und hat das Gefühl: Mindestens jeder Zweite findet sich hier irgendwie wieder.
Was hat es also damit auf sich? Ist es einfach nur der nächste Social-Media-Trend? Oder sorgt es endlich dafür, dass in der breiten Masse Verständnis entsteht?
Ich glaube, so schwarz-weiß funktioniert das nicht.
Für viele Menschen, die nie „auffällig“ waren, sich aber ihr Leben lang falsch gefühlt haben, können solche Videos enorm erleichternd sein. Endlich Hinweise, endlich Worte für etwas, das bisher im Nebel lag. Und auch die humoristischen Darstellungen bringen einen oft zum Schmunzeln – und ja, manchmal lernt man etwas dabei, dass man früher nicht auf dem Schirm hatte.
Vielleicht erleichtern solche Reels sogar das nächste Elterngespräch, wenn die Lehrkraft zufällig über ein gutes ND-Video gestolpert ist. Auch das gibt es. Und stellt euch mal vor, wie einfach solche Gespräche wären, wenn man nicht erst die alten Stereotype aus dem Weg räumen müsste, um die eigentliche Problematik sichtbar zu machen.
Oder – noch schöner – wenn der Unterricht von vornherein mehr auf unsere ungebremst besonderen Kinder ausgelegt wäre.
Ein Traum, oder?
Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich erklären musste, dass „hochbegabt“ nicht automatisch 1er-Durchschnitt bedeutet. Und dass es absolut logisch ist, wenn ein Kind bei der fünften Wiederholung unter dem Tisch liegt und über den Vogel nachdenkt, der draußen vorbeifliegt.
Und ganz ehrlich: 45 Minuten konzentriert in einem lauten Klassenzimmer zu arbeiten ist selbst für viele Erwachsene eine Herausforderung – erst recht, wenn der Stoff trocken und wenig ansprechend vermittelt wird. Das wird aber häufig reflexartig als ADHS-Symptom ausgelegt, obwohl es in Wahrheit einfach eine menschliche Leistungsgrenze ist, die jeder spürt, nur kaum jemand zugibt.
Aber so plakativen Content wie viele Instagram-Accounts liefern, so problematisch ist er auch.
Es gibt inzwischen Studien, die sich genau damit beschäftigt haben. Zugegeben: Die Stichproben sind klein und zeigen nur einen Ausschnitt – aber sie kommen wie ich zu einem gespaltenen Ergebnis.
Fast die Hälfte aller „Fakten“ in ND-Reels ist falsch oder verzerrt.
Normale Unterschiede in der Hirnleistung werden als Diagnose verkauft.
Menschen, die eigentlich neurotypisch sind, landen im ADHS/ASS/HB-Tunnel, obwohl gar nichts davon zutrifft.
Aber – und das ist wichtig – die andere Hälfte der Inhalte stimmt tatsächlich.
Nur werden genau die Videos, die einen professionellen oder fachlichen Hintergrund haben, laut Studie deutlich seltener gesehen.
Ich habe mich durch Artikel, Forschung und allerlei Expertenkommentare gewühlt, und ein Punkt tauchte überall auf: die Kritik, dass auf Social Media zu selten auf professionelle Diagnostik hingewiesen wird.
Und ja – grundsätzlich stimmt das.
Natürlich sollte man sich professionelle Unterstützung holen. Das würde auch ich immer empfehlen.
Aber wie viele Familien haben denselben Weg hinter sich wie wir?
Wie viele sind von Arzt zu Therapeut zu weiterem Arzt gerannt und haben jedes Mal dieselbe Geschichte erzählt, nur um am Ende wieder ohne Hilfe dazustehen?
Gerade bei mehreren gleichzeitig bestehenden Neurodivergenzen überschneiden sich Symptome – oder es heißt plötzlich, diese Kombination sei „unmöglich“. Viele Kinder können aufgrund ihrer hohen Intelligenz derart gut maskieren, dass Defizite jahrelang nicht auffallen. Und viele Ärztinnen und Ärzte sind schlicht nicht auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Deshalb sehe ich das differenzierter:
Ja, professionelle Diagnostik ist wichtig. Aber es ist genauso wichtig, sich selbst zu informieren, dem eigenen Gefühl zu trauen und sich nicht abwimmeln zu lassen.
Wir haben heute eine ausgezeichnete Praxisanbindung – aber bis dahin war es ein langer Weg.
Doch an diesem Punkt kollidiert die neue Klarheit oft mit dem, was einem online begegnet. Denn während die einen jede Kleinigkeit als Symptom verkaufen, zeigen andere eine so idealisierte, aalglatte ND-Darstellung, dass man sich selbst plötzlich falsch fühlt.
Falsch in seiner eigenen Realität.
Falsch in der Art, wie man als ADHS’ler oder Autist funktioniert.
Und das ist eine Entwicklung, die mir ehrlich gesagt Sorgen macht.
Viele Creator inszenieren ihre „ND-Seite“ so sauber, witzig oder schön, dass Betroffene das Gefühl entwickeln, sie selbst würden ihre eigene Neurodivergenz nicht richtig leben.
Als wäre ADHS ein Lifestyle, den man falsch machen kann.
Als wäre Autismus etwas, das man hübsch zu kuratieren hat.
Als müsste man immerzu seiner Neurodivergenz „markentreu“ sein, damit man auch ja genug Aufmerksamkeit bekommt.
Und dahinter steckt ein Verkaufsdruck, der einem überall begegnet:
„Hol dir meinen Kurs.“
„Ich erkläre dir deine Diagnose in drei einfachen Schritten.“
„Unlock your ND superpower!“
Ich habe nichts gegen gute Aufklärung – im Gegenteil. Und ja, auch ich habe Produkte.
Das wäre wohl jetzt der Moment, in dem ich euch eine magische Wahrheit oder einen 5-Schritte-Heilungsplan andrehen müsste.
Kann ich aber nicht.
Will ich auch nicht.
Ich kann dir keine perfekte Selbstoptimierungs-Transformation verkaufen.
Ich kann dir kein funktionierendes Hirn versprechen.
Ich kann dir nicht sagen: „Mach dieses eine Ding und alles ist gut.“
Was ich dir geben kann, ist etwas anderes: Verständnis, Orientierung und Alltagshilfe.
Etwas, das dein Leben leichter macht, statt dir eine neue Identität überzustülpen.
Genau darum halte ich es für so wichtig, ehrlich darüber zu sprechen, dass ND nicht nur hübsch ist.
ND ist echt, roh, manchmal anstrengend – und nie so ästhetisch, wie es auf vielen Profilen verkauft wird.
Aber TikTok hilft hier auch, Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu geben.
Viele fühlen sich durch die Videos gesehen, nicht mehr so alleine, sondern als Teil von etwas.
Das soziale Umfeld, das viele im Alltag nie hatten, taucht dort plötzlich auf – ohne Anpassungsdruck.
Und dieses Gefühl, zu einer großen Gruppe zu gehören, wird verstärkt durch den Algorithmus, der automatisch ähnliche Videos abspielt, sobald man etwas länger auf einem Reel verbleibt oder damit interagiert.
Dadurch entsteht das Gefühl einer riesigen Community, die laut Forschung aber nur 5–7 % der Bevölkerung betrifft.
Hier ist die Zahl bei Kindern und Erwachsenen erstaunlich konstant, da sich – entgegen alter Annahmen – nichts „verwächst“.
Hinzu kommt, dass die Diagnostik heutzutage genauer wird und auch die vorher selten festgestellten Gruppen mit stiller ADHS, gut maskiertem ADHS oder ASS erkennt. Insbesondere bei Frauen.
Trotzdem muss man auch hier aufpassen, denn der Algorithmus neigt dazu, einem immer wieder Videos zu zeigen, die die eigene Meinung bestätigen.
Und genau dadurch entsteht dieser merkwürdige Eindruck, ND sei plötzlich überall.
Dabei ist es nicht „neuer“ geworden – es ist einfach sichtbarer.
Die Mischung aus Zugehörigkeitsgefühl, Algorithmus-Power und emotionalen Erzählungen erzeugt eine Art ND-Echo-Kammer: Man sieht immer mehr von dem, was man bereits erkannt hat.
Für Betroffene ist das oft erleichternd.
Für Außenstehende sieht es schnell nach Trend aus.
Aber in Wirklichkeit ist ND genauso verbreitet wie immer – nur die Plattformen sorgen dafür, dass wir es täglich sehen, statt wie früher gar nicht.
Vielleicht ist das das eigentliche ND-Mysterium:
Social Media schafft Nähe und Wissen, aber auch Verwirrung und Druck.
Manche finden darüber endlich sich selbst, andere verlieren den Blick dafür, was ND wirklich bedeutet.
Für mich bleibt deshalb entscheidend:
Nicht jeder Trend ist Wahrheit.
Nicht jede Wahrheit ist Trend.
Und Neurodivergenz ist vor allem eines – menschlich.
Wenn wir das im Kopf behalten, können wir Social Media als das nutzen, was es sein kann: ein Fenster – aber niemals der ganze Raum.
